Manchmal sind es nicht die großen, lange geplanten Programmpunkte, die einen Reisetag besonders machen. Manchmal reicht es, das Handy wegzupacken, ohne festen Plan durch eine fremde Stadt zu schlendern und sich von dem treiben zu lassen, was einem unterwegs begegnet.
Nach meiner Teezeremonie blieb ich noch mehrere Stunden im Stadtbezirk Higashiyama. Zwischen Tempeln, kleinen Geschäften, Essensständen und traditionellem Handwerk erlebte ich einen dieser Tage, an denen ich am liebsten alles gleichzeitig probiert hätte.
Das war natürlich unmöglich.
Also lief ich erst einmal gefühlt vier Runden durch die Straßen, bevor ich mich überhaupt entscheiden konnte, womit ich anfangen wollte.
Die Teezeremonie hatte in Higashiyama stattgefunden, ganz in der Nähe des berühmten Kiyomizu-dera-Tempels.
Diese Gegend gehört zu den bekanntesten und meistbesuchten Teilen Kyotos. Rund um Kiyomizu-dera, die historischen Straßen Ninenzaka und Sannenzaka sowie die Yasaka-Pagode liegen zahlreiche Tempel, Teehäuser, traditionelle Geschäfte und kleine Essensstände. Entsprechend voll kann es dort werden. Selbst die offizielle Tourismusinformation Kyotos bezeichnet Higashiyama als eine der gewöhnlich am stärksten besuchten Gegenden der Stadt.
Trotz der vielen Menschen empfand ich die Gegend nicht einfach nur als touristisch. Natürlich werden dort unzählige Souvenirs verkauft und viele Dinge kosten etwas mehr als in weniger besuchten Vierteln. Gleichzeitig gibt es aber unglaublich viel zu entdecken.
Zwischen den Geschäften tauchen immer wieder Tempel, historische Gebäude und kleine Gassen auf. Überall werden Tee, Süßigkeiten, Keramik und traditionelles Kunsthandwerk angeboten. Die bekannten Straßen und Sehenswürdigkeiten liegen so nah beieinander, dass man sich stundenlang treiben lassen kann, ohne wirklich zu merken, wie weit man gelaufen ist.
Da es in Deutschland noch früh am Morgen war und die meisten Menschen dort vermutlich tief und fest schliefen, beschloss ich, mein Handy für eine Weile wegzupacken.
Keine Nachrichten, keine Bilder und keine Gedanken daran, was ich später posten oder dokumentieren könnte.
Ich wollte die Gegend einfach genießen.
Auf einer Reise wie dieser ertappe ich mich immer wieder dabei, möglichst viel festhalten zu wollen. Schließlich möchte ich euch mitnehmen und möglichst viele Eindrücke für unseren Japan-Kochkurs sammeln. Aber manchmal sorgt genau dieser Wunsch dafür, dass man einen Ort mehr durch die Kamera als mit den eigenen Augen betrachtet.
An diesem Vormittag wollte ich deshalb bewusst nur dort sein.
Ich ließ mich durch die Straßen treiben, schaute in die kleinen Läden und überlegte ungefähr viermal neu, was ich zuerst essen sollte. Die Auswahl war einfach zu groß.
Am Ende entschied ich mich nicht für ein bestimmtes Gericht, sondern probierte über mehrere Stunden immer wieder eine Kleinigkeit.
Es gab Dumplings, Matcha-Eis und guten Kaffee. Dazu kamen weitere kleine Snacks, an deren Namen ich mich teilweise wahrscheinlich erst wieder erinnern werde, wenn ich die Bilder sortiere.
Gerade diese Art zu essen gefällt mir auf Reisen besonders gut. Man setzt sich nicht einmal für eine große Mahlzeit hin und ist danach vollständig satt. Stattdessen probiert man hier etwas, entdeckt zwei Straßen weiter den nächsten interessanten Stand und findet kurz darauf schon wieder etwas, das man unbedingt kosten möchte.
Natürlich merkt man in Higashiyama, dass man sich in einer der touristischsten Gegenden Kyotos befindet. Manche Snacks kosten vielleicht 50 Cent, einen Euro oder auch einmal 1,50 Euro mehr als an einem weniger bekannten Ort.
Trotzdem blieb alles in einem bezahlbaren Rahmen. Und bei dieser Auswahl fiel es mir schwer, mich darüber ernsthaft zu ärgern.
Besonders auffällig waren die vielen Menschen, die in traditionellen Kimonos durch die Straßen liefen.
In der Umgebung gibt es zahlreiche Verleihe, bei denen man sich für einen Tag einen Kimono aussuchen und anziehen lassen kann. Viele Besucher nutzen diese Gelegenheit, um in traditioneller Kleidung durch die historischen Straßen und Tempelanlagen zu laufen.
Dadurch entsteht ein außergewöhnliches Stadtbild.
Zwischen alten Holzhäusern, gepflasterten Wegen, Pagoden und kleinen Teehäusern begegnet man immer wieder Gruppen und Paaren in aufwendig gestalteten Kimonos. Natürlich gehört auch das zum touristischen Angebot der Gegend. Trotzdem passte es wunderbar zu ihrer Atmosphäre.
Für ungefähr 15 Euro kann man sich, je nach Anbieter und Ausstattung, bereits einen einfachen Kimono für einige Stunden leihen. Wer mehr Auswahl, ein aufwendigeres Styling oder zusätzliche Accessoires möchte, kann entsprechend mehr ausgeben.
Ich fand die Idee richtig cool. Selbst wenn man keinen Kimono trägt, verändert allein der Anblick der vielen unterschiedlich gekleideten Menschen die Stimmung der gesamten Umgebung.
Nach der Teezeremonie machte ich noch etwas, auf das ich mich vorher gar nicht besonders vorbereitet hatte und das am Ende zu einer meiner schönsten persönlichen Erinnerungen an Kyoto wurde:
Ich stellte meine eigenen Essstäbchen her.
Aus einem vorbereiteten Stück Holz hobelte und feilte ich in ungefähr 30 bis 40 Minuten mein eigenes Paar. Dabei konnte ich selbst entscheiden, welche Form die Stäbchen bekommen sollten.
An der Spitze wollte ich sie möglichst rund gestalten. Am oberen Ende entschied ich mich für eine achteckige Form. Das klingt zunächst vielleicht nicht besonders kompliziert. Wenn beide Stäbchen am Ende aber gleichmäßig aussehen und angenehm in der Hand liegen sollen, braucht es überraschend viel Geduld.
Ich nahm mir entsprechend Zeit.
Immer wieder wurde etwas Holz abgetragen, kontrolliert, gefeilt und erneut angepasst. Gerade weil das Ergebnis nicht perfekt aus einer Maschine kommen sollte, sondern tatsächlich von mir selbst hergestellt wurde, fühlte sich jeder dieser kleinen Schritte besonders an.
Für die Herstellung standen unterschiedliche Holzarten zur Auswahl.
Einige ließen sich leichter bearbeiten, andere waren härter, schwerer oder hochwertiger. Man hätte sich auch für deutlich teureres Holz entscheiden können. Dieses wäre allerdings entsprechend anspruchsvoller zu hobeln und zu feilen gewesen.
Ich entschied mich für eine Variante, die sich gut bearbeiten ließ und trotzdem eine schöne Maserung besaß.
Solche Workshops beginnen mit einfachen Holzrohlingen. Mit einem kleinen japanischen Hobel, einem sogenannten Kanna, werden die Stäbchen anschließend geformt und geglättet.
Während der Arbeit merkte ich, wie beruhigend diese gleichmäßigen Bewegungen waren. Nach den vielen Eindrücken, Menschen und Geräuschen draußen konzentrierte ich mich für eine Weile nur auf das Holz in meinen Händen.
Nachdem die Form fertig war, ließ ich die Stäbchen noch gravieren.
Auf einer Seite steht mein Name Keven in japanischen Schriftzeichen. Auf der anderen Seite wurde Shellsons in lateinischer Schrift eingraviert.
Dadurch wurden aus zwei selbst bearbeiteten Holzstäben endgültig meine ganz persönlichen Essstäbchen.
Natürlich hätte ich mir in einem der zahlreichen Geschäfte auch ein fertiges Paar kaufen können. Dort gab es wunderschöne, teilweise sehr hochwertige Ausführungen. Aber diese Stäbchen erinnern mich nicht nur daran, dass ich in Kyoto gewesen bin.
Ich weiß noch, welches Holz ich gewählt habe, wie ich die achteckigen Kanten geformt und wie lange ich an den Spitzen gefeilt habe. Jeder kleine Unterschied zwischen den beiden Stäbchen gehört zu diesem Erlebnis.
Genau deshalb bedeuten sie mir mehr als ein gewöhnliches Souvenir.
Der Workshop selbst kostete umgerechnet nur ungefähr 5,23 Euro.
Für die persönliche Gravur kamen noch einmal etwa acht oder neun Euro hinzu. Insgesamt war das für mich unglaublich günstig, wenn man bedenkt, dass ich nicht nur ein handgefertigtes Erinnerungsstück mitnehmen konnte, sondern auch fast eine Stunde lang eine traditionelle Handwerkstechnik ausprobieren durfte.
Die Menschen vor Ort waren ausgesprochen freundlich, erklärten die einzelnen Schritte und ließen mir trotzdem genügend Freiheit, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Falls ihr einmal nach Kyoto kommt, kann ich euch eine solche Erfahrung wirklich nur empfehlen.
Es muss nicht unbedingt das teuerste Holz sein und das Ergebnis muss auch nicht aussehen, als wäre es industriell gefertigt worden. Gerade die kleinen Unterschiede und selbst bearbeiteten Stellen machen die Stäbchen persönlich.
Anschließend schaute ich mir verschiedene Tempelanlagen an und lief weiter durch Higashiyama.
Aus einer geplanten kleinen Runde wurden schnell drei oder vier Stunden. Aber das ist in dieser Gegend vermutlich vollkommen normal. Hinter beinahe jeder Ecke wartet etwas Neues: ein weiterer Tempel, ein schöner Blick auf eine Pagode, eine kleine Essensbude oder ein Geschäft, in dem man eigentlich nur kurz schauen wollte.
Besonders bekannt ist natürlich der Kiyomizu-dera.
Seine hölzerne Terrasse ragt weit über den Berghang hinaus und wird von etwa 13 Meter hohen Holzsäulen getragen. Von dort blickt man über große Teile Kyotos. Der Tempel gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
In und um die Anlage gibt es so viel zu sehen, dass ein einzelner Besuch kaum ausreicht.
Am Kiyomizu-dera befinden sich auch mehrere schwere Eisenobjekte, die mit dem legendären Kriegermönch Musashibō Benkei in Verbindung gebracht werden.
Besucher können versuchen, sie anzuheben und damit ihre Kraft auf die Probe stellen. Besonders bekannt ist ein enorm schwerer Eisenstab, der rund 90 Kilogramm wiegen soll. Aufgrund seiner Länge und der ungünstigen Hebelwirkung ist er allerdings deutlich schwieriger anzuheben als eine gleich schwere Langhantel im Fitnessstudio.
Genau diese Herausforderung wollte ich natürlich ausprobieren.
Leider hatte sich davor eine so lange Schlange gebildet, dass ich an diesem Tag darauf verzichtete. Ich hatte keine Lust, einen großen Teil des Nachmittags nur dort zu warten.
Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben.
Ich möchte in den kommenden Tagen noch einmal zurückkehren und versuchen, wenigstens eines dieser Teile hochzuheben. Ob ich den großen Eisenstab wirklich vom Boden bekomme, werden wir dann sehen.
Ein bisschen Ehrgeiz ist auf jeden Fall geweckt.
Nach mehreren Stunden zwischen Tempeln, alten Straßen und kleinen Geschäften machte ich mich langsam auf den Rückweg.
Dabei überquerte ich einen der großen Flüsse Kyotos und merkte sofort, dass Samstag war. Die Straßen wurden voller, viele junge Leute waren unterwegs und zahlreiche Bars und Clubs öffneten für den Abend.
Früher wäre ich vermutlich einfach in einen der Clubs gegangen.
An diesem Abend hatte ich darauf aber nicht das richtige Gefühl. Nach dem langen Tag wollte ich nicht in einem lauten Raum verschwinden. Stattdessen setzte ich mich in eine belebte Ecke, in der viele Menschen unterwegs waren.
Bei einem FamilyMart holte ich mir ein Bier. FamilyMart gehört zu den großen japanischen Convenience-Store-Ketten. Solche Geschäfte werden in Japan allgemein als Konbini bezeichnet.
Dann setzte ich mich einfach zu den anderen Leuten, kam ein wenig ins Gespräch und beobachtete das Treiben.
Es war kein spektakulär geplantes Erlebnis. Aber genau deshalb fühlte es sich schön an.
Für eine Weile saß ich einfach mitten im abendlichen Kyoto, trank mein Bier und ließ den Tag langsam ausklingen.
Ganz beendet war der kulinarische Teil des Tages damit natürlich noch nicht.
Später ging ich erneut Ramen essen. Schließlich wollte ich einer Frage nachgehen, über die offenbar ganz unterschiedliche Meinungen existieren:
Schmecken Ramen in Kyoto besser als in Tokio?
Die Ramen an diesem Abend waren wirklich sehr gut. Trotzdem kamen sie für mich nicht ganz an die ersten Ramen heran, die ich nach meiner Ankunft in Tokio gegessen hatte.
Allerdings könnte mein Eindruck auch durch den Moment beeinflusst worden sein.
Die Ramen in Asakusa waren schließlich die ersten, die ich während dieser Reise gegessen hatte. Vielleicht haben sie mich auch deshalb so überwältigt. Manchmal verbindet sich ein Geschmack so stark mit einer Situation, dass man später kaum noch unterscheiden kann, wie viel davon tatsächlich auf dem Teller und wie viel in der eigenen Erinnerung passiert ist.
Deshalb habe ich bereits einen Plan gefasst.
Am Ende meiner Reise möchte ich noch einmal nach Asakusa fahren und denselben Ramenladen besuchen. Dann werde ich herausfinden, ob diese ersten Ramen tatsächlich so außergewöhnlich waren oder ob der Zauber des ersten Tages ihnen einen kleinen Vorteil verschafft hat.
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