Japan-Reise,
Tag 5

Teezeremonie in Kyoto:
Die Kunst, einen Moment wirklich zu genießen

Am Morgen des fünften Tages durfte ich in einer der historischen Gegenden Kyotos an einer traditionellen japanischen Teezeremonie teilnehmen.

Umgeben von wunderschönen alten Gebäuden lernte ich, wie aus wenigen Zutaten, präzisen Bewegungen und viel Achtsamkeit ein besonderes Erlebnis entsteht.

Eine private Teezeremonie in Kyoto

Gebucht hatte ich eigentlich eine Teezeremonie, an der auch weitere Gäste hätten teilnehmen können. Glücklicherweise war ich an diesem Morgen jedoch der einzige Teilnehmer.

Meine Gastgeberin Mia Cho nahm sich dadurch besonders viel Zeit, erklärte mir jeden einzelnen Schritt und beantwortete geduldig all meine Fragen. So konnte ich nicht nur beobachten, wie der Matcha zubereitet wird, sondern mich intensiv mit der Geschichte, den Gegenständen und der Bedeutung der einzelnen Abläufe beschäftigen.

Videos waren zwar grundsätzlich erlaubt, trotzdem wollte ich diesen besonderen Rahmen respektieren und nicht jeden Moment mit der Kamera begleiten. Stattdessen entstanden vor allem Fotos. Einige davon, einschließlich Bildern von meiner eigenen Matcha-Zubereitung, findet ihr auf unserem Instagram-Kanal.

Vom chinesischen Tee zur japanischen Teekultur

Tee stammt ursprünglich nicht aus Japan. Das Wissen über Tee und die Zubereitung von pulverisiertem Tee gelangte vor Jahrhunderten aus China in das Land und wurde dort auf eine ganz eigene Weise weiterentwickelt.

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten für die japanische Teekultur war Sen no Rikyū. Der im 16. Jahrhundert lebende Teemeister erfand die Teezeremonie zwar nicht im Alleingang, prägte und vollendete jedoch maßgeblich jene Form des Chanoyu, aus der sich der japanische „Weg des Tees“, Chadō, entwickelte. Im Mittelpunkt standen Schlichtheit, Achtsamkeit und die bewusste Begegnung zwischen Gastgeber und Gästen.

Heute existieren in Japan zahlreiche Schulen und unterschiedliche Traditionen der Teezeremonie. Die genauen Abläufe können sich deshalb unterscheiden. Was ich erleben durfte, war eine Matcha-Teezeremonie und damit nur eine von vielen möglichen Formen dieser jahrhundertealten Kultur.

Ein Raum, der für den Moment gestaltet wird

Bereits der Raum machte deutlich, dass es bei einer Teezeremonie um weit mehr als ein Getränk geht.

Wir saßen auf traditionellen Tatami-Matten. In einer eigens gestalteten Nische befanden sich frisch gepflückte Blumen und eine Kalligrafie. Die Auswahl solcher Elemente ist kein beliebiger Schmuck. Sie wird auf die Jahreszeit, den Anlass und die Gäste abgestimmt.

Die Kalligrafie erinnerte sinngemäß daran, den gegenwärtigen Augenblick zu genießen, weil genau dieser Moment niemals wiederkehren wird.

Dahinter steht der Gedanke „Ichi-go ichi-e“, häufig frei als „eine Zeit, eine Begegnung“ übersetzt. Selbst wenn dieselben Menschen noch einmal am gleichen Ort zusammenkommen, wird die Situation niemals vollkommen identisch sein. Deshalb verdient jede Begegnung unsere vollständige Aufmerksamkeit.

Diese Haltung gefiel mir sofort. Sie steht im starken Kontrast zu unserem häufig hektischen Alltag, in dem wir bereits an den nächsten Termin denken, während der gegenwärtige Moment noch gar nicht vorbei ist.

Reinigung als Teil des Rituals

Die Zubereitung begann mit einer sorgfältigen Kontrolle der Utensilien.

Zunächst wurde geprüft, ob der Chasen, der traditionelle Schneebesen aus Bambus, vollständig intakt war und keine feinen Stücke fehlten. Anschließend wurden der Chasen und der Chashaku, ein schmaler Bambuslöffel zum Portionieren des Matcha-Pulvers, gereinigt.

Auch die übrigen Gegenstände wurden mit einem dafür vorgesehenen Tuch abgewischt.

Diese Bewegungen dienen nicht allein der Sauberkeit. Die bewusste Reinigung gehört zum Ritual und schafft einen klaren Übergang zwischen dem Alltag und der eigentlichen Teezeremonie. Jeder Gegenstand wird aufmerksam behandelt und auf seinen Einsatz vorbereitet.

Mich faszinierte, wie ruhig, präzise und selbstverständlich diese Handgriffe ausgeführt wurden. Nichts wirkte beiläufig oder hastig.

Teezeremonie in Kyoto - Shellsons

Die Teeschale wird vorbereitet

Anders als bei vielen anderen Teesorten wird Matcha nicht in einer Teekanne aufgegossen. Das fein gemahlene Pulver wird direkt in einer Teeschale, der Chawan, mit Wasser vermischt.

Zunächst wurde die Schale mit heißem Wasser erwärmt. Das Wasser hatte ungefähr 80 Grad. Gleichzeitig konnte der Bambusbesen im warmen Wasser angefeuchtet werden, wodurch seine feinen Borsten geschmeidiger wurden.

Danach wurde das Wasser wieder ausgegossen und die Schale sorgfältig ausgewischt.

Erst jetzt wurde der Behälter mit dem Matcha geöffnet.

Wie viel Matcha kommt in die Schale?

Zum Portionieren verwendeten wir den gebogenen Bambuslöffel. Je nach gewünschter Intensität können ungefähr ein bis zwei Gramm Matcha verwendet werden.

Wir entschieden uns für zwei Gramm. Je größer die verwendete Menge ist, desto kräftiger, intensiver und tendenziell bitterer wird der Tee.

Der Matcha wurde anschließend mit dem warmen Wasser übergossen. Dann kam der Chasen zum Einsatz.

Zunächst wurde das Pulver vorsichtig mit dem Wasser verbunden. Danach schlug ich den Matcha mit schnellen Bewegungen kräftig auf, bis sich auf der Oberfläche ein feiner Schaum bildete. Zum Abschluss wurden die Bewegungen wieder etwas ruhiger, um besonders große Luftblasen aus dem Schaum zu entfernen.

Was zunächst einfach aussieht, erfordert überraschend viel Gefühl. Der Bambusbesen soll schnell bewegt werden, ohne grob über den Boden der empfindlichen Teeschale zu schaben.

Warum vor dem Matcha etwas Süßes gegessen wird

Bevor wir den Matcha tranken, probierten wir zwei traditionelle japanische Süßigkeiten. Ihre Süße bereitet den Gaumen auf die feine Bitterkeit des Tees vor und sorgt dafür, dass beide Geschmackseindrücke miteinander harmonieren.

Die erste Süßigkeit war mit Agar-Agar hergestellt und erinnerte äußerlich ein wenig an ein transparentes Gummibärchen. Beim Hineinbeißen zerbrach sie jedoch in feine, leicht knusprige Zuckerkristalle. Vermutlich handelte es sich um Kohakutō, eine japanische Süßigkeit aus Zucker, Wasser und Agar.

Die zweite Süßigkeit bestand wahrscheinlich aus Wasanbon, einem besonders feinen japanischen Zucker. Er wird traditionell aus einer speziellen Zuckerrohrsorte gewonnen und häufig zu kleinen, filigranen Formen gepresst.

Auch hierbei zeigte sich wieder die japanische Liebe zum Detail: Selbst die kleine Süßigkeit vor dem Tee besitzt eine eigene Geschichte, Textur und ästhetische Bedeutung.

Respekt, Dankbarkeit und die richtige Haltung

Während der Zeremonie spielte auch die eigene Körperhaltung eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig waren die Verbeugungen und der Dank.

Man bedankt sich bei der Person, die die Teezeremonie leitet, bei den weiteren Gästen und schließlich auch für den Tee selbst. Diese Gesten wirkten nicht wie oberflächliche Höflichkeitsregeln. Sie machten bewusst, wie viele Menschen, Materialien und Arbeitsschritte an diesem kleinen Moment beteiligt sind.

Die Schale wird vor dem Trinken in den Händen gedreht, damit man nicht von ihrer kunstvoll gestalteten Vorderseite trinkt. Auch darin zeigt sich Respekt gegenüber dem Gegenstand und seinem Schöpfer.

Anschließend wird der Matcha in kleinen Schlucken getrunken. Nicht hastig und nicht nebenbei. Man soll seinen Geschmack wahrnehmen und sich ganz auf den Augenblick konzentrieren.

Matcha zwischen Bitterkeit, Umami und feinen Aromen

Der Matcha, den wir tranken, war erstaunlich mild. Er schmeckte grün und grasig, gleichzeitig aber auch weich, wohlig und leicht blumig. Die Süßigkeiten verstärkten diesen Eindruck zusätzlich und balancierten die feine Bitterkeit aus.

Matcha enthält Koffein und kann deshalb anregend wirken. Da das fein gemahlene Blatt vollständig mitgetrunken wird, unterscheidet sich das Erlebnis deutlich von einem gewöhnlichen Aufguss, bei dem die Teeblätter anschließend entfernt werden.

Für hochwertigen Matcha werden speziell angebaute und vor der Ernte beschattete Teeblätter verarbeitet. Nach der Ernte werden unter anderem Stiele und Blattrippen entfernt. Das so entstandene Tencha wird anschließend sehr fein vermahlen, traditionell zwischen Steinen. Die Beschattung und schonende Verarbeitung tragen zur kräftigen grünen Farbe und zum charakteristischen Umami-Geschmack bei.

Auch Erntezeitpunkt, Herkunft, Teepflanze und Verarbeitung beeinflussen die Qualität. Frühe Pflückungen können besonders milde, komplexe und florale Aromen besitzen, während spätere Ernten häufig kräftiger und herber ausfallen.

Mit welcher Leidenschaft selbst Tee hergestellt wird

Was mich an diesem Morgen besonders beeindruckte, war die Hingabe, mit der hier etwas vermeintlich Einfaches wie eine Schale Tee behandelt wird.

Von der Aufzucht der Pflanzen über die Ernte und Verarbeitung bis zur späteren Zubereitung ist jeder einzelne Schritt von Erfahrung, Präzision und Respekt geprägt. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Genau diese Haltung begegnet mir während meiner Reise immer wieder. Ob in einer Ramen-Küche, einem kleinen Restaurant oder bei einer Teezeremonie: Die Menschen widmen sich ihrem Handwerk mit einer Leidenschaft, die weit über das reine Herstellen eines Produktes hinausgeht.

Nach der Teezeremonie unterhielt ich mich noch lange mit Mia. Wir tauschten unsere Instagram-Kontakte aus und ich konnte weitere Fragen stellen, bis mir die verschiedenen Abläufe und ihre Bedeutung wirklich klar geworden waren.

Zum Abschied kaufte ich noch einige Kleinigkeiten in dem Laden. Nicht, weil ich unbedingt etwas mitnehmen musste, sondern weil die Begegnung so herzlich und die gesamte Erfahrung so schön gewesen war.

Die Teezeremonie hat mir gezeigt, dass Genuss nicht zwangsläufig durch möglichst viele Zutaten oder besonders aufwendige Gerichte entsteht. Manchmal reichen eine Schale, etwas Wasser, fein gemahlener Tee und die Bereitschaft, einem einzigen Moment die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Noch lange danach hatte ich diesen milden, grünen und wohltuenden Geschmack im Mund.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst der Teezeremonie: Sie lässt uns etwas erleben, das im Alltag viel zu häufig verloren geht. Für einen Moment müssen wir nirgendwo anders sein.