Japan-Reise

Stille, Tempelküche und Nächte auf dem Kōyasan

Nach den lauten, bunten und kulinarisch intensiven Tagen in Osaka führte mich meine Reise an einen vollkommen anderen Ort: auf den heiligen Berg Kōyasan.

Schon die Anreise verlangte etwas Geduld. Während ich im Zug Videos schnitt, bemerkte ich nicht, dass ich hätte umsteigen müssen. Erst einige Haltestellen später fiel mir anhand der Stationsnummern auf, dass ich längst wieder in die falsche Richtung fuhr.

Nach mehreren Umstiegen und einem vermeintlichen Expresszug, der trotzdem an beinahe jeder Station hielt, erreichte ich meine Tempelunterkunft buchstäblich in letzter Minute. Um 18:25 Uhr checkte ich ein, um 18:28 Uhr saß ich im Speisesaal und um 18:30 Uhr wurde mir tatsächlich noch das Abendessen serviert.

Der heilige Berg des Shingon-Buddhismus

Kōyasan ist kein einzelner Berggipfel, sondern eine von bewaldeten Gipfeln umgebene Hochebene.

Im Jahr 816 erhielt der Mönch und Gelehrte Kūkai vom japanischen Kaiser die Erlaubnis, hier ein religiöses Zentrum zu errichten. Zuvor hatte er in China den esoterischen Buddhismus studiert. Nach seiner Rückkehr begründete er in Japan die Shingon-Schule.

Kūkai, der später den Ehrentitel Kōbō Daishi erhielt, soll im Jahr 835 nicht gestorben, sondern in einen Zustand ewiger Meditation eingetreten sein. Nach buddhistischer Überlieferung wartet er dort auf die Ankunft des zukünftigen Buddha.

Dieses Verständnis prägt den Kōyasan bis heute.

Nächte in einem buddhistischen Tempel

Meine Unterkunft war ein etwa 1.000 Jahre alter Tempel mit traditionellen Zimmern, wunderschönen Gärten und einem eigenen Onsen.

Nach meiner etwas hektischen Anreise trat sofort Ruhe ein. Ich ging durch die Tempelanlage, betrachtete den Garten und den Teich mit seinen Kois und musste an diesem ersten Abend gar nicht mehr viel unternehmen.

Am nächsten Morgen setzte ich mich zunächst an den Laptop. Während die meisten Gäste bereits früh aufgebrochen waren, um möglichst viele Sehenswürdigkeiten zu besuchen, blieb ich beinahe allein im Tempel zurück.

Abgesehen von wenigen Mitarbeitern war es vollkommen still.

Ich merkte, dass ich an diesem Tag gar nicht das Bedürfnis hatte, viel zu reden. Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Tage wollte ich einfach für mich sein, nachdenken und diese besondere Atmosphäre aufnehmen.

Shōjin Ryōri: die Küche der buddhistischen Mönche

Einer der wichtigsten Bestandteile meines Aufenthalts war die traditionelle buddhistische Tempelküche, die Shōjin Ryōri genannt wird.

Sie kommt vollständig ohne Fleisch, Fisch und andere tierische Zutaten aus. Trotzdem wirkte keines der Gerichte wie ein Verzicht. Im Gegenteil: Die Abendessen und die Frühstücke gehörten zu den feinsten und spannendsten Mahlzeiten meiner bisherigen Reise.

Viele Zutaten stammten direkt vom Kōyasan oder wurden im Tempel selbst verarbeitet. Sojasauce wurde selbst fermentiert, Misopasten über lange Zeit gereift und das Gemüse ausgesprochen behutsam gegart.

Nichts war zerkocht. Einige Zutaten wurden lediglich bei niedrigen Temperaturen gegart oder langsam in Brühen und Würzsaucen ziehen gelassen. Dadurch behielten sie ihren eigenen Geschmack, nahmen aber gleichzeitig viele zusätzliche Aromen auf.

Besonders in Erinnerung blieb mir Goma-Dōfu, ein für den Kōyasan typischer Sesamtofu. Eine helle Variante wurde mit etwas Senf und einer süßlichen Würzung serviert. Die Kombination war gleichzeitig cremig, scharf, süß und voller Umami.

Auch die fein abgeschmeckten Brühen, das nur leicht gedämpfte Gemüse und die vielen kleinen eingelegten Komponenten waren außergewöhnlich.

Jedes einzelne Element wirkte schlicht. Zusammengenommen steckte darin jedoch unglaublich viel Arbeit, Geduld und Hingabe.

Die Küche erinnerte mich teilweise an mein Kaiseki-Menü in Kyoto. Sie wirkte allerdings noch reduzierter und stellte den ursprünglichen Geschmack der Zutaten stärker in den Mittelpunkt.

Schon während des Essens wusste ich: Elemente der Shōjin-Ryōri-Küche sollen auch in unseren neuen Japan-Kochkurs einfließen.

Onsen, Sauna und ein zweites Abendessen

Am Nachmittag kehrte ich in meine Unterkunft zurück und besuchte zum ersten Mal den Onsen.

Zum Bad gehörten ein Außenbereich und eine Sauna. Eine Mitarbeiterin half mir freundlicherweise dabei, trotz meiner Tattoos hineinzugelangen, ohne dass ich sämtliche Motive mit Aufklebern abdecken musste.

Ich badete, saß in der Sauna, schrieb und ließ den Tag auf mich wirken.

Anschließend folgte das zweite Abendessen, das mir sogar noch besser gefiel als das erste. Da die sprachliche Verständigung mit dem Tempelpersonal nur eingeschränkt möglich war, versuchte ich selbst zu entschlüsseln, welche Zutaten verwendet worden waren, wie sie eingelegt oder gegart wurden und welche Aromen ich herausschmeckte.

Genau diese intensive Auseinandersetzung mit dem Essen machte mir unglaublich viel Spaß.

Das Morgengebet um sechs Uhr

Das Morgengebet meines ersten Tages hatte ich verschlafen, weil ich vergessen hatte, den Wecker zu stellen.

Im Nachhinein war das vielleicht gar nicht schlecht. Nach der Anreise und den intensiven Tagen zuvor hatte mein Körper den Schlaf offenbar gebraucht.

Am zweiten Morgen war ich dann pünktlich um sechs Uhr dabei.

Etwa 45 Minuten lang hörte ich den Mönchen beim Rezitieren ihrer Mantras zu. Im Shingon-Buddhismus spielen Mantras, Mandalas und rituelle Handlungen eine zentrale Rolle.

Auch wenn ich die Worte nicht verstand, entstand durch die gleichmäßigen Stimmen und den Ablauf der Zeremonie eine ganz besondere Atmosphäre.

Nach dem Gebet gab es ein letztes Frühstück. Anschließend ging ich noch einmal ins Onsen und checkte gegen neun Uhr aus.

Durch den Zedernwald von Okunoin

Zum Abschluss meines Aufenthalts machte ich mich auf den Weg nach Okunoin, dem heiligsten Ort des Kōyasan.

Statt den Bus zu nehmen, lief ich mit meinem Koffer durch den alten Zedernwald. Der rund zwei Kilometer lange Weg führt an mehr als 200.000 Grabstätten, Gedenksteinen und Statuen vorbei.

Einige der gewaltigen Zedern sind bis zu 1.000 Jahre alt. Zwischen ihnen befinden sich jahrhundertealte, von Moos bedeckte Gräber ebenso wie neuere Gedenkstätten.

Während ich durch diesen Wald lief, hörte ich beinahe nur die Tiere und Insekten zwischen den Bäumen.

Es war schwer zu beschreiben, was dieser Ort ausstrahlte. Die lange Geschichte war nicht nur sichtbar, sondern beinahe körperlich spürbar.

Eine Mahlzeit für Kūkai

Am Ende des Weges durfte ich eine der eindrucksvollsten Zeremonien meiner gesamten Japan-Reise miterleben.

Zweimal täglich wird Kūkai im Rahmen des sogenannten Shōjinku eine frisch zubereitete Mahlzeit zu seinem Mausoleum gebracht. Die Zeremonie beruht auf dem Glauben, dass er sich dort bis heute in ewiger Meditation befindet.

Zunächst wurde lange gebetet. Anschließend brachten die Mönche das frisch gekochte Essen herein. Die Behälter wurden geöffnet und die Speisen rituell geprüft, bevor sie weiter zum Mausoleum getragen wurden.

Rund 40 bis 45 Minuten lang verfolgte ich die Gebete und Handlungen von Anfang bis Ende. Ich versuchte, so gut es ging, innerlich mitzubeten.

Der Ort, die Mönche in ihren farbigen Gewändern, das frisch zubereitete Essen und der Gedanke hinter dieser über viele Jahrhunderte gepflegten Tradition berührten mich sehr.

Dabei kam mir ein Gedanke, der mich seitdem begleitet:

Vielleicht ist die Freude am Tun einer der Schlüssel zum Glück.

Nicht ausschließlich das Ergebnis zählt. Entscheidend ist auch, mit welcher Aufmerksamkeit und Hingabe wir etwas tun. Ob wir kochen, beten, arbeiten oder einfach durch einen stillen Wald gehen.

Zwei Tage ohne Ablenkung

Während meines Aufenthalts auf dem Kōyasan ernährte ich mich vollständig vegan. Obwohl im Tempel auch Alkohol angeboten wurde, trank ich keinen. Selbst meinen Cappuccino bestellte ich mit Sojamilch.

Ich sprach wenig, verbrachte viel Zeit allein und versuchte nicht, möglichst viele Programmpunkte abzuhaken.

Nach Tokio, Kyoto und Osaka waren diese Tage genau das, was ich brauchte.

Der Kōyasan war kein Ort, den ich nur besichtigte. Er gab mir die Möglichkeit, wirklich zur Ruhe zu kommen und über vieles nachzudenken, was ich während meiner Reise erlebt hatte.

Wer Japan besucht und zwischen all den großen Städten etwas Zeit mitbringt, sollte über eine Übernachtung in einem der Tempel nachdenken.

Wegen der Stille, der Wälder und der religiösen Geschichte.

Aber unbedingt auch wegen der außergewöhnlichen Tempelküche.